leseprobe

Amelies Abschiede

Zwei Wochen nach dem Tod meines Vaters fand ich Helens Brief im Geheimfach seines Schreibtischs. Ohne diesen Fund hätte ich nie von der Liebschaft der beiden erfahren, wäre ich ihnen nicht nachträglich zur Komplizin geworden. Alles, was geschah, geschah durch diesen Brief. Und weil uns diese wenigen Worte auf Papier auf so eigentümliche Weise miteinander verbinden, sind sie mir teuer. Deshalb habe ich Jan gebeten, mir die Schachtel mitzubringen, in der ich den Brief aufbewahre, die Schachtel, die mir mein Vater zu meinem neunten Geburtstag geschenkt hat − oder, wie wir es nannten: Tag der Ankunft.

Letzter Akt

Ein kleines Dorf in der Toskana, genauer: ein Dorf in der Nähe von Florenz. Nicht Fiesole, das wäre zu nah. Dorthin schwappt noch das Städtische, das Kulturelle, dorthin zieht es die Touristen. Das Dorf, um das es hier geht, könnte zwanzig bis dreißig Kilometer von Florenz entfernt liegen. In dieser Gegend sind Hinweisschilder am Straßenrand meist ungenau, und der Name des winzigen Ortes steht ohnehin nirgends. Als hätte man ihn einfach vergessen oder gutwillig von der Landkarte gestrichen. Der Weg ist alles andere als leicht zu finden, dafür birgt er zu viele unerwartete Abzweigungen, und das letzte Stück ist völlig unbefestigt. Für gewöhnlich will ja auch niemand dorthin. Wenn aber plötzlich eine Leiche in einem Schuppen hängt, dann ändert sich das schlagartig.